Das „Grosse Fahrzeug“

Zazenkai AKI, 13. Dezember 2014

(Teisho im pdf-Format)

Wozu gehen wir den Weg des Zen?
Wozu und wie sind wir miteinander in den vergangenen Jahren den Weg des Erwachens gegangen? Warum werden wir ihn weiter gehen?

Ein wegweisender Traum
Als ich mir diese Fragen überlegte, erinnerte ich mich an einen Traum, den ich vor 16 Jahren geträumt hatte, zu einer Zeit, als ich mich intensiv mit Meister Dogen beschäftigte.
Mit dem Fahrrad fuhr ich auf schmalen Strassen durch eine schöne voralpine Landschaft. Da wurde ich von jungen Leuten angehalten und gebeten, mein Rad abzustellen und mitzuhelfen, ein riesengrosses Fahrzeug, so gross wie etwa drei Busse hintereinander, an einer schmalen Strasse zu parkieren. Ich musste am Steuer platznehmen und das grosse Fahrzeug so hinstellen, dass viele Menschen einsteigen konnten. Danach sagte man mir, es sei von jetzt an meine Aufgabe, beim grossen Fahrzeug und den Menschen zu bleiben. Das Fahrrad würde ich dann später wieder zurück erhalten.
Beim Aufwachen wurde mir klar, dass mein Traumbild etwas mit dem Mahayana-Buddhismus und mit dem Ideal des Bodhisattva zu tun hatte. „Mahayana“ ist Sanskrit und heisst wörtlich „Grosses Fahrzeug“, weil diese Richtung des Buddhismus allen Menschen den Weg zur Erlösung öffnen will. Die Praxis des Zen ist ein Zweig des vielfältigen Mahayana.
Das Bodhisattva-Ideal ist kurz und bündig in den „Vier grossen Versprechen“, dem „Shiguseigan“ zusammengefasst, das wir bei jeder Zusammenkunft rezitieren.

Die vier grossen Versprechen

Wenn ich mich heute frage:  „Was ist der Sinn unserer Übung? Was hat die Stille-Übung mit uns und unserem Leben zu tun?  Und was war mir als Leiter der Sangha wichtig?“ finde ich die Antworten am ehesten im Zusammenhang mit den Vier Versprechen. Obwohl über 2000 Jahre alt,  sind sie auch heute aktuell, sogar wegweisend.

Ich möchte in Erinnerung rufen, dass die vier Versprechen keine bindenden Gelübde im Sinne unseres westlichen Verständnisses sind, sondern Orientierungspunkte oder Wegweiser, nach denen wir uns ausrichten können.

Das erste Versprechen lautet: Shujo muhen sei gan do / Die Lebewesen sind zahllos, ich gelobe sie alle zu retten.
Dieser Satz erweist sich bei näherer Betrachtung als eine äusserst bedeutsame  und höchst aktuelle Lebensweisheit. Es geht dabei um unsere gesunde Entwicklung, um unser Wohlbefinden und das unserer Mitmenschen.
Zunächst empfinden wir es vielleicht als heillose Überforderung –„ ich gelobe alle Lebewesen zu retten“! Doch überfordernd ist es nur, solange wir in der dualistischen Vorstellung leben und meinen, die Geschöpfe hätten nichts mit einander zu tun, sie seien voneinander getrennt und unterschieden. Das ist unsere Alltagsperspektive. Aber wer mit fortschreitender Übung zur Erfahrung der Leerheit gelangt, dem zeigt sich, dass alle Geschöpfe eins sind. Und dass alles aus dem einzigen Grundstrom des wundervollen Lebens existiert und miteinander verbunden ist. Das erste Versprechen fordert uns auf, die Schranken zwischen unserem rationalen Denken und dem transzendenten GEIST, zwischen unserem „Ich“ und dem göttlichen Wesensgrund, zwischen uns und andern Lebewesen zu übersteigen.
Genau das ist für uns und die andern Lebewesen enorm wichtig. Denn da wir eins sind mit allen, kann und muss die Rettung aller Lebewesen bei uns selber beginnen. Der Dalai-Lama sagte: „Möge ich mich stets daran erinnern, dass das Mitgefühl mit allem was lebt, bei mir selbst beginnt.“  Diese grosse Weisheit enthält das christliche Hauptgebot ebenfalls: „Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst.“ „Wie dich selbst“ – das ist das Kriterium!
Alle Lebewesen retten beginnt damit,  dass wir uns selber liebevoll annehmen.  Darum habe ich in  den Teisho häufig wiederholt: „Mögt euch gut,  habt euch trotz allen Mängeln gern“. Diese klare, bewusste Selbstannahme ist für die Übung des Zen und auch für jeden andern spirituellen Weg wichtig – und bis ins hohe Alter elementar für eine gelingendes Leben. Das ist eine Tatsache, die ihr selber beobachten könnt. Nur wenn wir uns selber liebevoll angenommen haben, können wir auch andere Menschen, andere Lebewesen und Gott annehmen und gern haben.
Aus diesem Grunde wollte ich euch auch im Dokusan jeweils die Erfahrung vermitteln, dass ihr willkommen und angenommen seid – vielleicht als Impuls, es im eigenen Leben auch so zu halten, aber im Grunde genommen einfach aus Respekt und Wohlwollen.

Das zweite Versprechen: Bonno mujin sei gandan. Täuschende Gedanken und Begierden sind unerschöpflich, ich gelobe sie alle zu lassen.
Das ist eine der wichtigsten Übungen auf dem Zenweg und wiederum ein sehr heilsamer Impuls für unser Leben im Alltag. Es geht ums Loslassen lernen, um Abstand nehmen, um freier zu werden.
In andern Übersetzungen ist die Rede von unnützen oder eitlen Gedanken oder auch von Leidenschaften. Auf jeden Fall ist es gut, dass diese Gedanken und Gefühle die wir lassen sollen, näher umschrieben werden. Denn auf unserem Übungsweg zeigen sich auch gute, klärende Gedanken und Gefühle, welche für unsere Bewusstwerdung wichtig und darüber hinaus wundervolle menschliche Qualitäten sind.
Die Übung besteht darin, zu erkennen, was für den Zenweg und für unser Leben wichtig ist. Die Erfahrung zeigt, dass etwa neunzig Prozent der Gedanken, die in der Stillemeditation auf uns einstürmen, fehl am Platz sind – alte Geschichten, unnötige Überlegungen, Täuschungen. Wir können sie als „leer“, „leer“ bezeichnen und getrost ziehen lassen. Starke Empfindungen wie Gier, Hass, Neid, oder aber Ängste, Zweifel, Mutlosigkeit, wiederholte Fehler, störende Neigungen usw. müssen wir näher anschauen, annehmen und eventuell auch ausserhalb der Meditation überlegen, ob wir im Alltag vielleicht etwas ändern müssen. Im Grunde genommen können wir nur ändern und loslassen, was wir als zu uns gehörend angenommen haben. Meditieren führt zu Selbsterkenntnis, sagt Meister Dogen. Wenn wir nicht von Zeit zu Zeit über unsere Meditationserfahrungen nachdenken, treten wir an Ort.
Auch die Gespräche im Dokusan  dienten der Bewusstwerdung. Und oftmals führten sie zur Erfahrung, dass das Durchschauen und Loslassen unnützer Gedanken und Gefühle befreiend ist und die innere Sicherheit stärken kann.
Und wie ist es mit Zen im Alltag? Selbstverständlich geht es im täglichen Tun nicht ohne vernünftige, ethische,  sachbezogene Überlegungen und Entscheidungen. Ich zitiere nochmals Dogen: „Handle so, dass du bei den Menschen kein Leid und keine Gier verursachst. Tue was dir selber gut tut und was auch den andern gut tut.“
Die wichtigste Regel in diesem Zusammenhang heisst, gegenwärtig und offen sein für das, was der Augenblick erfordert.
Versucht auch im Alltag zwischendurch die Übung des Loslassens, um für ein paar Momente ganz unauffällig nur beim Atem, bei euch selbst zu sein. Das bringt Abstand und Überblick in der Betriebsamkeit. Und vor allem immer wieder Momente der Ruhe und Gelassenheit. Solche Früchte der Übung  gehören zum Unterwegssein mit dem „grossen Fahrzeug“.

Das dritte Versprechen: Ho mon muryo seigangaku. Die Dharmatore sind unzählbar, ich gelobe sie alle zu durchschreiten.
Das ist für mich ein besonderes Geschenk des Zen, ein Leitsatz zum Glücklichsein, zum geborgen und  aufgehoben sein in der Schöpfung. Zugleich liegt in dieser Aussage  ein starker Impuls für die Entwicklung unserer spirituellen Intelligenz.
Was sind Dharmatore und warum sind sie unzählbar?
Alles was unsere Sinne wahrnehmen können, alles, womit unser Verstand konfrontiert werden kann, zum Beispiel auch die Koan, sind potentielle Dharmatore. Also Gelegenheiten, Momente oder Auslöser für einen Durchbruch in unserer Wahrnehmung, der uns die transzendente Wirklichkeit des Dharma offenbart. Diese transzendente Wirklichkeit wird mit vielen Namen bezeichnet: Tao (Dau), das Wahre Wesen, Buddhanatur, göttlicher Urgrund. Christliche Mystiker nennen es Gottheit, ein bekannter agnostischer Naturwissenschaftler nennt es das grosse „Wirk“  oder das Absolute. Wie immer wir es nennen – erstaunlich und beglückend dabei ist die Erfahrung, dass dieses göttliche Absolute und der gewöhnliche Augenblick des Alltags eine untrennbare Einheit sind, durch und durch eines wie eine Legierung, der Klang einer Glocke, fallende Schneeflocken, ein erfrischender Luftzug, herbstlich gefärbte Blätter – alles Dharmatore, unzählbare.
So gesehen liegt die Wesensnatur in allen Dingen des Lebens offen und frei direkt vor unsern Augen. Für mich war es etwas vom Schönsten an meiner Lehrertätigkeit, verbal und nonverbal beim Entdecken des Dharma mithelfen zu dürfen.
Die alten Meister – Ryokan, Hakuin, Bankei, Dogen, Unmon, Jôshû und viele andere –  haben über Jahre mit aller Kraft nach der Wesensnatur gesucht. Als sie sie erfahren hatten sagten sie: „Die Wesensnatur ist immer da, vor unsern Augen – und trotzdem haben wir sie jahrelang übersehen.“
Dieser Schwierigkeit entspricht der Schluss des Verses: „Sei gan gaku“ bedeutet: Wir sollen üben und uns bewusst werden, dass die Wesensnatur immer da ist und dass uns durch alle Dinge die unsichtbare ewige Wirklichkeit aufleuchten kann. Wenn wir ein Dharmator durchschritten haben, wird diese Einheit uns zur Gewissheit. Das gibt unseren alltäglichen Beschäftigungen und Beziehungen einen neuen Glanz. Die Erfahrung des Nicht-Zwei schenkt Freude, Geborgenheit und weitet den Horizont.

Das vierte Versprechen: Butsudo mujo seiganjo. Der Weg des Erwachens ist unübertroffen, ich gelobe ihn ganz zu gehen.
Was ich zu den bisherigen drei Versprechen sagte, gehört alles zum Weg des Erwachens.  „Was ist der Weg?“ ist eine häufige Frage im Zen. Meister Nyojo, der Lehrer von Dogen, sagte einmal: „Der wunderbare Buddhaweg besteht daraus, sich anzukleiden und die Mahlzeiten einzunehmen.“ Alle Dinge des Alltags sind der Weg. Wenn ich von Wettingen nach Zürich reise und wieder zurück, ist das der Buddha-Weg. Wenn ich in einem Geschäft etwas einkaufen gehe, ist das der Weg. Wenn ihr im Dokusan mit mir sprecht, ist es der Weg. Wenn ihr hier sitzt und übt, jeder Atemzug, ist der Weg. Lachen und Weinen, Freude und Schmerz, alles ist der Weg des Erwachens. „Der alltägliche Geist ist der Weg“ sagte schon Meister Nansen.
Den ganzen Tag über tun wir nichts anderes, als unsere Wesensnatur zu leben. Das gilt für alle Menschen. Aber Zenübende haben die Chance, dies zu wissen, dies tief zu erfahren und zu erkennen, dass mujo, das unvergängliche Wahre Wesen immer schon da ist.
Es gibt keinen andern Weg als unsern Lebensweg. Und der ist Nicht-Zwei.
Das ist ganz einfach und natürlich – und trotzdem manchmal schwierig zu realisieren, vor allem wenn wir mit Umständen konfrontiert sind, an denen wir leiden, die uns unbegreiflich sind.  Aber auch schwierige Wegstrecken sind Butsudo, der Buddhaweg, der Weg zum Erwachen.
Ihr habt die Freiheit, einfach damit anzufangen, aus der Dimension des Nicht-Zwei heraus zu leben, weil es zu unserem ganzen Menschsein gehört wie die Luft, die wir atmen. Ich kann nur wiederholen, was ich im Sommersesshin 2013 gesagt habe:
„Entfaltet und pflegt dieses Bewusstsein des Nicht-Zwei. Es macht euer Leben reicher und schöner und erfüllt es mit Ruhe, Liebe, Sinn und Dankbarkeit. Diese ganzheitliche Bewusstsein soll euch nie verlassen.“

Weitergehen in Dankbarkeit
Soviel zu meinem Versuch, Antworten zu geben auf die Frage, warum wir diesen Weg gegangen sind und warum wir ihn weiterhin gehen. Sicher gibt es noch andere Gründe. Meister Ryokan sagte einmal: „Nicht-verstehend folgen wir diesem Weg“ der durch Übung in Ethik und Meditation zu Erfahrungen führt, die über alle Wort hinausgehen.

Über alle Worte hinaus geht auch meine Dankbarkeit, dass das „Grosse Fahrzeug“ uns alle gefunden hat. Ich erinnere an den Traum, den ich eingangs erwähnte. Heute darf ich den Führerstand verlassen – und erhalte mein Fahrrad zurück! Aber obwohl ich mich zurückziehe, bleibe ich  euch in der Wesensnatur verbunden. In dieser Gewissheit und ohne anzuhaften dürfen wir diesen starken Weg, wo immer wir sind, mit grosser Dankbarkeit weiterhin gehen. Nach Meister Ryokan ist es ein „heiliger Weg, der Leben und Tod überschreitet“.

Veröffentlicht unter Impulse | Hinterlasse einen Kommentar

Was ist, wenn die Blätter fallen?

Zazenkai AKI, 22. November 2014

(Teisho im pdf-Format)

Dann ist Herbst. Für das heutige Teisho wählte ich das 27. Beispiel im Hekiganroku von der „Manifestation des Goldenen Windes“. Ein poetischer Text, der – vordergründig – mit der herbstlichen Natur und Jahreszeit zu tun hat.

Ein Mönch fragte Unmon: „Was ist, wenn der Baum verdorrt und die Blätter fallen?“
Unmon antwortete: „Vollkommene Manifestation des goldenen Windes.“

Unmon ist einer der ganz grossen Meister in der Geschichte des Zen. Sein chinesischer Name ist Yün-men.
Es wird berichtet, dass er ein strenger Meister war, kurz angebunden und manchmal grob. Er lehrte Zen so, wie er es bei seinen eigenen Lehrern erlebt hatte: Die Leute erschrecken, anbrüllen, beschimpfen, schlagen. Auch andere Lehrer-Nachfolger glaubten damals, es gehöre zur Praxis des Zen, die Leute so zu behandeln. Doch im Beispiel vom goldenen Wind zeigt er seine mitfühlende und feinsinnige Seite.

Eine andere Übersetzung unseres Beispiels stammt vom Sinologen Wilhelm Gundert, einem Cousin von Herrmann Hesse. Bei ihm lautet es so:
Ein Mönch fragte Unmon: „Was für eine Zeit ist das, wenn die Bäu-me sich verfärben und die Blätter fallen?“
Unmon erwiderte: „ Dann legt der goldene Wind sein ganzes Wesen bloss“.
Diese poetische Form hat mich vor zwanzig Jahren inspiriert, das Tanka zu schreiben, das ich im letzten Zazenkai zur Begrüssung rezi-tierte:

Goldner Wind

„Und was nun, da die
Blätter bunt sich färben und
Zur Erde fallen?“
„Dann offenbart der goldne
Wind dir sein ganzes Wesen.“

(Egloff, Die beste Jahreszeit, S. 138)

Bei einem Koan ist die Musik der Sprache eher nebensächlich. Mitunter kann sie eine Hilfe sein, einen Text auch dem Klang nach aufzunehmen.
Aber wir müssen aufpassen – Literatur liegt im Bereich des Dualismus: Da bin ich und dort ist der goldene Wind, der mir etwas mitteilt. Die Botschaft des Koans ist umfassender.

Zu unserem Koan finden wir verschiedene Zugänge:
Erstens können wir von der Naturbeziehung ausgehen.
Zweitens können uns die fallenden Blätter direkt zur Stilleübung, zur Übung des Loslassens führen.
Drittens können fortgeschrittene Übende feststellen, dass auch im übertragenen Sinne die Blätter abgefallen, der Baum kahl ist. Und mit dem alten Mönch fragen sie, wie es nach Kensho weitergehen wird.
Diese drei Möglichkeiten möchte ich näher betrachten.

Von der Naturbeziehung zur Vergänglichkeit
Im Teisho vom 10. Mai habe ich von der Natur des Frühlings gesprochen, von der rätselhaften und wunderbaren Kraft des „Wirk“, die alle Pflanzen grünen und wachsen lässt und Mensch und Tier mit neuer Energie erfüllt.
Dieses geheimnisvolle „Wirk“ ist auch die Natur des Herbstes und des Winters. Es kommt in den sich färbenden und fallenden Blättern, im Absterben und Verschwinden vieler Pflanzen, in der ganzen Vergänglichkeit zum Ausdruck.
Kürzlich haben Alice und ich auf unserem morgendlichen Waldspaziergang dem Tanz der fallenden Blätter zugeschaut, die zu Dutzenden zu Boden schaukelten. Es war wie eine Musik des Monats November.
Von diesem Klang spricht auch Rainer Maria Rilke in seinem bekannten Gedicht vom

Herbst
Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
Als welkten in den Himmeln ferne Gärten,
Sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
Aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist einer, welcher dieses Fallen
Unendlich sanft in seinen Händen hält.

Auch Rilke wird vom Blätterfall an die Vergänglichkeit erinnert, die gesetzmässig nicht nur in den Bäumen und Blättern, auch in seiner Hand, in seinem Leib, in allem und in allen ist. Grüne, gelbe, rote, braune, dürre und fallende Blätter und Früchte. Dann steht der Wald kahl da, bis es im kommenden Frühling wieder grünt.

Gilt dieser natürliche Zyklus auch für den alten Mönch und für uns?
Geborenwerden, Wachsen, Blühen, Früchte tragen, Reifen, Sterben – und danach auch irgendwie ein Neuwerden? Rilke glaubte daran. Wie andere Christen vertraut er auf Lebensdimensionen, die über das Vorstellbare hinausgehen. Wie zum Beispiel auch David Steindl-Rast wenn er sagt: “Im Glauben an die Auferstehung ist nicht nur der Mensch, sondern alles Vergängliche miteingeschlossen, das ganze Universum.“ Alles Vergängliche hat letztlich Anteil am unvergänglichen Leben des Göttlichen. Die weiteren christlichen Grundtugenden – Vertrauen an eine höhere Macht, Hoffnung, Liebe – stützen diesen Glauben. Sie sind auch hilfreiche Haltungen für die Bewältigung des Lebens, Haltungen auch, die uns zur Transzendenz hinführen.

Wie unterscheidet sich christlicher Glaube vom Koan?
Normalerweise entzieht sich die transzendente Wirklichkeit der gewohnten Wahrnehmung. Sie wurde uns verkündet und wir glauben daran. Das Koan möchte uns die transzendente Wirklichkeit als wahrnehmbare Wirklichkeit erfahren lassen.
Von der Zenerfahrung her füge ich bei: Diese andere, unvergängliche Wirklichkeit ist bereits da, sie atmet jetzt schon in allem Vergänglichen. Obwohl die Form des jetzt gelebten Lebens sich stets wandelt und vergänglich ist, sind das Absolute und das Vergängliche „Nicht-Zwei.“

So sieht es auch Dogen (Zitat): „Die Zeit vergeht wie im Fluge. Leben und Tod sind von höchster Wichtigkeit. Beachtet diese Wirklichkeit immer wieder in euerm Herzen, vergesst sie nicht und vergeudet keinen Augenblick im Gewahrsein, dass ihr nur heute und nur immer in diesem Augenblick am Leben seid. Mit dieser Entschlossenheit werdet ihr den Weg erreichen“. (Ende Zitat von Dogen).
Einen Moment habe ich gestutzt. Wie kann man sagen, dass wir „nur immer in diesem Augenblick“ wirklich am Leben sind? Wie soll ich das verstehen?

Letzthin wollte ich meinen kleinen Mittagsschlummer halten. Aber meine Gedanken beschäftigten sich noch mit einer Nachricht in der Zeitung. Danach hüpften andere Gedanken zu einem Nachbarn. Die nächsten waren am Einkaufen – und so fort. Bis ich merkte: Das ist ja kein Leben, das täuscht Leben nur vor. Du bist virtuell überall, nur nicht hier. Nach dieser Feststellung atmete ich ganz achtsam. Und siehe da – der Körper entspannte sich, ich spürte eine angenehme Wärme im Leib und es war ein herrlich gutes Lebensgefühl, so ruhen zu dürfen. Im Jetzt sein ist wirklich von anderer Lebensqualität als vom inneren Lärm der Gedanken herumgezerrt zu werden.

In seinem Buch „Zuimonki“ betont Dogen wiederholt, wie wichtig es ist, die Leerheit der Gedanken und die Vergänglichkeit zu sehen. Die Einsicht, dass nichts von Dauer ist macht es uns leichter, vom selbstbezogenen „Ich“ Abstand zu nehmen und neben dem eigenen Wohl auch das Wohl anderer achtsam anzustreben. Wenn wir so leben, sagt Dogen, können wir „durch alle Dinge erleuchtet sein“. Mit andern Worten: Wenn uns bewusst ist, dass alle Dinge Dharmatore sind, kommen wir dem Bewusstsein vom Nicht-Zwei ganz nahe.

Von den „fallenden Blättern“ zur Übung des Loslassens.
Manchmal sind wir noch nach Jahren des Übens versucht, ein Koan, besonders ein so literarisches wie das heutige, zuerst mit dem Verstand anzugehen, obwohl wir ja nie aufgefordert werden, über ein Thema nachzudenken. Trotzdem tun wir es immer wieder, denn das diskursive Denken beherrscht unsern Alltag.
Im Zusammenhang mit der Meditation müssen wir zwei Arten des Denkens unterscheiden.
Die erste Art kennt ihr alle sehr gut: Ein Gedanke taucht auf, eine Erinnerung vielleicht oder eine mit Emotionen besetzte Geschichte. Wir lassen uns einwickeln und wegtragen. Aber das ist nicht Meditation. Sobald wir es merken, lassen wir diese Gedankenketten los wie der Baum seine herbstlichen Blätter und kehren zur achtsamen Wahrnehmung des Atems, zum Zählen der Atemzüge oder zum Koan MU zurück.
Dieses immer wieder Loslassen, sich immer wieder zurückholen, ist ein wesentlicher Teil der Zenübung. Loslassen befreit. Nicht anhaften-wollen, nicht besitzen-wollen befreit. Mit jedem Sich-zurückholen wird unsere Meditationskraft um ein „Mü“ stärker. Dabei lernen wir uns selbst besser kennen, denn wir sehen ja, welcherlei Gedanken und Inhalte sich immer wieder einmischen. Vielleicht sind es heilsame, vielleicht auch schädliche Gedanken.
Diese Inhalte müssen wir anschauen, als zu uns gehörend akzeptie-ren und uns gleichwohl gut mögen. Vielleicht aber kommen wir zum Schluss, dass wir im Alltag etwas ändern müssen. Das alles ist – um mit der berühmten Parabel zu sprechen – das Zähmen des Büffelrindes, der wichtige persönlichkeitsfördernde Prozess der Übung.

Die zweite Art von Gedanken beim Meditieren haben ebenfalls mit diesem Prozess zu tun. Es sind aber eher ordnende Gedankenblitze und es ist richtiger, anstelle des Begriffes „Denken“ es als „achtsame Wahrnehmung“ zu bezeichnen.
Ich nehme wahr, dass ich denke und sage innerlich: „Ah – Denken, Denken“. Kaum habe ich die Gedanken gewissermassen so „etikettiert“, sind sie auch schon verschwunden.
Oder ich nehme war, dass Gedanken und Gefühle letztlich leer sind, weil sie keine eigene Existenz haben, sondern immer von irgendwelchen andern Dingen ausgelöst werden. Darum „etikettiere“ ich sie sofort als „leer, leer, leer“ – und schon sind sie vorbei und ich bin wieder präsent im Nicht-Denken, in der Leerheit, im Sein.
Diese zweite Art, Gedanken und Gefühle wahrzunehmen, ohne sich einwickeln zu lassen, ist ein wichtiger Teil der Stille-Übung. Sie hilft uns, unsere Lebenssituation und auch die Wahrnehmungsdimensionen – unsere körperlichen, emotionalen, sozialen, rationalen und transzendenten Anlagen – bewusst zu sehen. Und dann geschieht auch eine Rückkoppelung: Durch die stete Übung verfeinert sich unsere Wahrnehmung und Achtsamkeit.
Dazu nochmals Dogen (Zitat):
„Ein Menschenwesen wird reif und weise, wenn man es verfeinert. Welcher Edelstein blinkt von vorneherein? Ihr müsst schleifen und verfeinern. Also schätzt euch nicht selber gering und lasst nicht nach in eurer Wegübung“.
Dieser Edelstein seid ihr selber – und das Schleifen entspricht in der Stilleübung dem sich immer wieder zurückholen in den gegenwärtigen Augenblick.

Der Baum ist kahl – was nun?
Wir wissen wenig über den fragenden Mönch. Vieles spricht dafür, dass er schon alt ist. Aber wir wissen nicht, wo er sich auf seinem inneren Weg befindet. Wie und wo ist er als Suchender unterwegs? Hat er seine Wesensnatur erfahren und ist auf dem Marktplatz des Lebens angelangt? Wir wollen beide Möglichkeiten betrachten.

Der alte Mönch ist als Suchender unterwegs. Er „sitzt zwar auf dem besten Pferd, nur weiss er es noch nicht“, wie ein anderer Meister sagte.
In diesem Fall liegt in der Frage „Was ist, wenn der Baum verdorrt und die Blätter fallen?“ vielleicht eine gewisse Wehmut oder Angst. Auch für ihn sind die fallenden Blätter ein Symbol der Vergänglichkeit.
Vielleicht befindet er sich in einer Krise, an einem Punkt, wo alles welk geworden ist? Jahrelang hat er versucht, sein Leben redlich zu gestalten, hat sich Mühe gegeben – und jetzt diese Ungewissheit. Sechzig, siebzig, achtzig Jahre auf der Welt – und das war`s denn? Oder vielleicht doch nicht?

Meister Unmon hört diese Angst oder Unsicherheit. In seiner Antwort geht auch er auf die herbstliche Stimmung ein und weckt mit dem Bild vom goldenen Wind Hoffnung und Vertrauen. Der Weg ist nicht zu Ende, wenn die Blätter von Baum abgefallen sind. Im Gegenteil. Jetzt kommt etwas Grosses: „Dann offenbart der goldne Wind sein ganzes Wesen!“ Hier manifestieren sich nicht nur kalte, nasse Herbststürme, die vieles zerstören können. Nein, sagt er – jetzt kommt „die vollkommene Manifestation des Goldenen Windes“, die Erfahrung des Wahren Wesens.
Das ist für den fragenden Mönch und für uns alle eine gewaltige Ermutigung, weiter zu gehen auf dem Weg der Übung.
Wie die Hoffnung am Schluss des Rilke-Gedichts: Die Blätter fallen, alles fällt. „Und doch ist einer, welcher dieses Fallen in seinen Händen hält.“ Auch im Zen gibt es Bilder der Hoffnung und des Vertrauens in das Bleibende, Grosse, Tragende, in das ewige „Wirk“. Hoffnungen schaffen das Schwere und Leidvolle nicht ab, aber sie relativieren es.

Die andere Möglichkeit: Der Mönch hat die Wirklichkeit der Wesens-natur erfahren und ist auf den Marktplatz des Lebens zurückgekehrt, wie der Hirte im 10. Ochsenbild. Er ist da und tut den Menschen gut.

Und was nun? Er hat erfahren, dass es in der Wesenswelt keine Unterschiede gibt. Das ist der eine Aspekt der Wirklichkeit. Der andere Aspekt ist der Alltag und da existieren fast überhaupt nur Unterschiede und zwingen uns, ob wir wollen oder nicht, solche von morgens bis abends zu beachten. Viele Menschen tun das manchmal in einseitiger Weise, weil sie glauben, mit unserer kognitiven Fähigkeit lasse sich jedes Problem lösen. Auch ein erleuchteter Mensch muss aufpassen, nicht in dieses einseitige Muster zurückzufallen. Die Er-fahrung des Nicht-Zwei könnte mit der Zeit verblassen.

In der chinesischen Tradition bedeutet die Farbe Gold den Herbst im umfassenden Sinne. Also nicht nur goldener Sonnenschein sondern auch Stürme, Regen, zerzauste, kahle Bäume. Aber da ist noch mehr. Yamada-Roshi ist der Auffassung, die „vollkommene Manifestation des Goldenen Windes“ beziehe sich auf unser ganzes Leben. Sie vereint Gegensätze wie absterbende Blätter und goldenen Sonnenschein, Wolken und Stürme. Sie vereint auch Gegensätze in unserem persönlichen Leben und in der Welt, Freude und Leid, Friede und Krieg, Leben und Tod, Anfang und Ende.

Zur ganzen Realität sagte Buddha in den „Vier edlen Wahrheiten“, dass alles Leben dem Leid unterworfen ist. Das Leid hat Ursachen wie zum Beispiel Gier, Neid, Hass, Unwissenheit. Wir beseitigen oder lindern Leid, wenn wir solche Ursachen erkennen und vermeiden.
Der Weg dazu ist nach Buddha der achtfache Pfad: Rechte Erkenntnis, rechte Gesinnung, rechte Rede, rechte Tat, rechter Lebenserwerb, rechte Anstrengung, rechte Achtsamkeit, rechte Sammlung.
Das alles ist ebenfalls die „vollkommene Manifestation des goldenen Windes“. Der achtfache Pfad stellt uns vor Augen, welche Einsichten und Haltungen mit der Praxis des Zen verbunden sind. Habt ihr beachtet: Mindestens vier der acht Postulate sprechen ausdrücklich von rechtem Reden, Handeln, Denken, Bemühen und umschreiben auf diese Weise die ethische Praxis von Zen im Alltag.
Unmon weiss – und einige von uns haben es auch erfahren – wer diesen Pfad geht, wird vor den Stürmen des Schicksals nicht verschont. Der Weg hilft uns jedoch, etwas besser mit ihnen zu leben. Vielleicht gelingt es uns auch besser, allen Lebewesen zu dienen. Es bleibt noch viel zu tun.

Sollte unser Mönch Kensho erfahren haben, sind bei ihm mit grosser Wahrscheinlichkeit doch noch einige alte, eingefahrene Verhaltensmuster und Konzepte übrig geblieben. Eine Verwandlung braucht Zeit. Wenn er nicht weiter übt, wird die Erfahrung bald verblassen.
Daran erinnern uns auch die Vier Versprechen, die wir in jedem Zazenkai rezitieren: „ die Lebewesen sind zahllos; täuschende Gedanken unerschöpflich; die Dharmatore unzählbar; der Weg des Erwachens geht nie zu Ende.“ Er führt auch nach Kensho weiter, denn der goldene Wind ist unser ganzes Leben, ohne Anfang und ohne Ende. Er ist wie „Mu“ oder der „Ton einer Hand“ Ausdruck unseres tiefsten Wesens, unserer eigentlichen Identität.

Ich fasse kurz zusammen,
was dieses Koan von der „vollkommenen Manifestation des goldenen Windes“ mir persönlich bedeutet. Ich erzähle es euch einfach.
Zunächst: Alles Schöne und Gute, das wir im Leben geniessen dürfen, erfahre ich als „Manifestation des goldenen Windes“, als konkreter Ausdruck des Wahren Wesens.
Und wenn die Blätter fallen, der Baum an Lebenskraft verliert, wenn Schweres, Leidvolles das ich nicht ändern kann, oder die Vergänglichkeit mir zu schaffen macht, ist das ebenfalls die vollkommene Manifestation des Wahren Wesens.
Auch beim Meditieren, Innehalten, Abstand nehmen und Los-lassen, bei allem was ich tue und lasse, realisiere ich das Wahre Wesen.
So sind auch das Aufstehen am Morgen, Frühstücken, das tägliche Arbeiten und Ruhen, alles Bemühen im Alltag nach der „Goldenen Regel“ zu leben, einfach nur das gewohnte Tun. Doch mit allem Tun manifestiere ich zugleich immer und ganz selbstverständlich das Wahre Wesen.
Sonnenschein und Kälteeinbruch, Gesundheit und Krankheit, Jugend und Alter, Freude und Leid, Leben und Tod sind für mich das unteilbare Nicht-Zwei von alltäglicher und absoluter Wirklichkeit.
Jeder Mensch, jedes Lebewesen – jede und jeder von uns – ist die vollkommene Manifestation des göttlichen Wahren Wesens.

Diese Geschichte vom „goldenen Wind“ werde ich kaum je ver-gessen. Wenn das Gedächtnis aber doch einmal nachlässt, sind wir gleichwohl geborgen. Denn unsere tiefste Identität ist ja nicht unser vergängliches „Ich“ sondern das unsterbliche Wahre Wesen – und das verlässt uns nie.

Das waren ein paar Reflexionen, aber natürlich nicht die Lösung des Koans. Man muss darüber meditieren.
Im Dokusan lautet die Aufgabe so: „Bringe die vollkommene Manifestation des goldenen Windes zum Ausdruck“.
Wie würdet ihr das tun – so richtig aus dem eigenen Wesen heraus? Denn ihr selber seid ja die „vollkommene Manifestation des goldenen Windes.“

 

 

 

Veröffentlicht unter Impulse | Hinterlasse einen Kommentar

Herbst-Teisho: Geist ist Buddha, Fall 30 im Mumonkan

Zazen AKI, 18. Oktober 2014

(Teisho im pdf-Format)

Herbstfrüchte
Inzwischen ist es schon wieder Herbst geworden, die an Farben und Formen so reiche Erntezeit des Jahres. Die meisten Früchte sind bereits eingebracht – ein wundervolles Angebot an Äpfeln, Birnen, Aprikosen, Pfirsichen, Pflaumen, Zwetschgen, Melonen. Es ist der Name einer dieser Früchte, der mich fürs heutige Teisho inspiriert hat. Im Koan 30 des Mumonkan gibt es einen Mönch und späteren Lehrer namens „Grosse Pflaume“.

In unserer Kultur kommt es selten vor, dass Menschennamen von Früchten abgeleitet werden. Ich kenne keinen Mann namens Apfel, keine Frau Aprikose oder Melone, so süss diese Früchte doch sind. Eher im Gegenteil – manchmal werden Früchtenamen beleidigend verwendet: Eine hohle Birne, eine Zwetschge, eine weiche Pflaume….

Wir leiten unsere Namen meistens von andern Dingen in der Umwelt ab. Zum Beispiel von Berufen: Müller, Schmid…. Oder von Eigenschaften: Kurz, Lang, Schnell, Schwarz, Kraushaar…. Oder von künstlichen Objekten: Eisenring, Oelfass, (wie ein mir bekannter Türke heisst)… Oder von Landschaften: Wohler, Zürcher, Andermatt … usw.

Anders ist das seit Jahrhunderten im Reich der Chinesen. Da werden Namen häufig von Blumen und Früchten abgeleitet. Der beliebteste Mädchenname bei den Chinesen ist zur Zeit Xiaomeng: Frühlingsknospe. Oder Lee: Pfirsichblüte. Und so muss es nicht verwundern, dass wir schon im 8. Jahrhundert diesen Zenmönch finden namens Taibai (gesprochen wie Daipai). Das Zeichen Tai bedeutet gross, bai bedeutet Pflaume. Grosse Pflaume.

Das Koan 30 des Mumonkan
lautet kurz und bündig:
Eines Tages kam der Mönch Taibai zu Meister Baso und fragte: „Was ist Buddha?“ Baso antwortete. „Der Geist selber ist Buddha“.

Meister Baso war schon zu seinen Lebzeiten sehr bekannt. Mehrere seiner Schüler wurden später selber berühmte Meister, zum Beispiel Hyakujo, Nansen und eben auch Daipai.
Eine berühmte Anekdote berichtet, wie Baso selber zur Erkenntnis gelangte, dass der Geist Buddha ist und als das Eine im Vielen wirkt. Einige von euch haben diese Geschichte schon gehört. Baso lebte in einem Kloster auf dem Berg Denpo-in und übte Tag und Nacht Zazen. Eines Tages kam Meister Nangaku vorbei und fragte ihn, warum er das tue, nur sitzen, sitzen und nochmals sitzen. Baso sagte. „Ich übe Zazen um ein Buddha zu werden“. Nangaku sagte nichts aber er hob im Garten einen Ziegelstein auf und begann diesen zu polieren. Schliesslich wurde Baso neugierig und fragte: „Was willst du mit diesem Ziegelstein anfangen?“ Nangaku sagte: „Ich schleife und poliere ihn, damit ein Spiegel daraus wird.“
Baso lachte und sagte. “Das ist doch unmöglich!“ Aber Nangaku entgegnete: „Es ist so, wie wenn du versuchst, durch Nur- Sitzen Buddha zu werden. Zen bedeutet keinesfalls nur Sitzen. Buddhageist hat keine feste Form. Wenn du dich an eine Form klammerst, sei es Sitzen oder Liegen, Stehen oder Gehen, kannst du niemals die Buddhaschaft erreichen.“
Daraufhin wurde Baso Schüler von Nangaku und entdeckte immer klarer, dass die Buddhanatur in allem wirkt, sei es im Sitzen, Liegen, Stehen, Gehen, Essen, Arbeiten, Schlafen. Und noch mehr: Dass er selber jederzeit und bei jeder Tätigkeit Ausdruck der Wesensnatur ist, wie auch alle Dinge auf Erden und im Universum Ausdruck der Wesensnatur sind.
Später wurde Baso Nachfolger von Meister Nangaku.

Zurück zum Koan und zu Daipai. Als er Baso sagen hörte, Geist selbst ist Buddha, erlangte er eine tiefe Erleuchtung.
Danach verliess er das Kloster, zog auf einen abgelegenen Berg in eine alte Hütte und übte Shikantaza, um seine Erfahrung zu vertiefen. Vor allem aber lebte er achtsam seinen bescheidenen Alltag als Einsiedler und realisierte seine Buddhanatur von morgens bis abends.

Es ist schwierig, seinem Karma auszuweichen
Ich verstehe Karma hier in einem eingeschränkten aber positiven Sinne von „Berufung“, für welche man durch persönliche Qualitäten (Fähigkeiten, Neigungen, Umstände) ausgewiesen ist. Ein Beispiel:

Die Geschichte von Bruder Klaus in der Innerschweiz im 15. Jahrhundert. Eine andere Zeit, andere Lebensumstände, ein anderer Glaube, ein anderer Ort. Aber es gibt zwei Gemeinsamkeiten mit Daipai: Auch Bruder Klaus hatte seine Wesensnatur erfahren, das Göttliche, Absolute. Daraufhin zog auch er sich in eine Einsiedelei im Flüeli-Ranft zurück um fortan als Einsiedler im Loslassen seines bisherigen Lebens besser in der Einheit des Göttlichen leben zu können.
Wenn wir bedenken, dass er vorher Ehemann und Vater einer grossen Familie war, ausserdem ein erfolgreicher Grossbauer und Viehzüchter und mit grossem Können angesehene politische Ämter ausübte wie Richter, Landeshauptmann, dass er ein führender Ratsherr im Land war, können wir uns fragen: War dieser Rückzug nicht eine Flucht vor der Welt in die Innerlichkeit, eine Flucht in die Mystik? Hätte er seinem Glauben und seinen Erfahrungen entsprechend nicht auch in der Welt leben können?
Bruder Klaus wurde in der Einsiedelei von den Menschen bald entdeckt und tausende suchten in der Melchaschlucht seinen Rat. Auch seine Frau Dorothea, mit der er vorgängig seinen Weg beraten hatte, besuchte ihn von Zeit zu Zeit. So wurde die Welt, der er ausweichen wollte, mehr und mehr ein Aspekt des Einen. Er lernte, das Gegensätzliche in seinem Leben zu integrieren. Die Forschung kommt zum Schluss, er hätte als Einsiedler mehr gewirkt als in der Zeit, da er öffentliche Ämter innehatte.

Ähnliches wird auch über Daipai berichtet. Irgendwann wurde auch er den Menschen bekannt. Einmal kamen Mönche zu ihm und baten ihn, Abt eines grossen Klosters zu werden. Aber Daipai sagte: „Ob Frühling, Sommer, Herbst oder Winter – hier, in der Einsiedelei ist alles gut. Als Kleidung genügen mir Blätter und Äste. Der Samen der Tannzapfen ist für mich reichliche Nahrung. Da ihr meinen Wohnort gefunden habt, verlege ich meine Klause weiter in das Innere der Berge“.
Doch auch im neuen Versteck fanden ihn die Mönche rasch wieder und kamen in wachsender Zahl, um bei ihm zu üben. Schliesslich wurde bei seiner einsamen Berghütte ein Kloster gebaut.

Baso ändert seine Lehre
Noch einige Jahre zuvor erinnerte auch Meister Baso sich einmal an Daipai. Einer seiner Gehilfen hatte auf einer Wanderung in den Bergen einen Einsiedler angetroffen, der auf ihn einen grossen Eindruck machte. Er erzählte Baso von der Begegnung und dieser merkte rasch, dass es sich beim Einsiedler um seinen früheren Schüler Daipai handelt. Gerne hätte er erfahren, was aus ihm geworden ist. Deshalb schickte er seinen Gehilfen nochmals zur Klause des Daipai mit dem Auftrag, er solle heimlich herausfinden, wie es diesem gehe. Und vor allem sollte er ihm auch mitteilen, dass Baso seine Lehre inzwischen geändert habe. Baso musste nämlich immer wieder feststellen, dass seine Lehre „Geist ist Buddha“ oft missverstanden wurde. Die Mönche hätten seine Aussage meditieren müssen. Stattdessen hakten sie die Frage nur ab: „Ach so, ja, Geist ist Buddha.“ Anstatt die Gedanken loszulassen, klammerten sie sich an Worte. Und so blieben viele von einer lebendigen Zenerfahrung weit entfernt.

Eine Zwischenfrage: Wie würdet ihr das Koan „Geist ist Buddha“ beantworten? Ein alter Mönch, der es erfahren hatte, schrieb, wie das früher oft geschah, als Antwort das folgende Gedicht

Geist ist Buddha
Kalt ist es heute
Ich wische den Hof
Eine Amsel ruft auf der Kiefer
Ich schlage mit Armen und Händen
Auf Brust und Schultern
Um mich zu wärmen
Und laufe einige Schritte im Kreis.

„Geist ist Buddha“ bedeutet für den Alten mehr als dürre Worte. Es ist für ihn das Leben von morgens bis abends.
Yamada Rôshi sagte (Zitat): „Das ganze Universum ist der Geist selbst. Vom Aufwachen bis zum Einschlafen – alles ist nichts anderes als Geist.“
Ein wunderschönes Koan. Und trotzdem musste Meister Baso, weil viele Menschen an den Worthülsen haften blieben, die Angelegenheit verdeutlichen. Als wieder einmal ein Mönch die Frage stellte „Was ist Buddha?“ gab er zur Antwort: „Nicht Geist, nicht Buddha.“
Ist das nicht inkonsequent? Gerade das Gegenteil von „Geist ist Buddha“?
Baso wollte mit dem neuen Koan Nicht Geist, nicht Buddha jedes sich anklammern an kognitiven Begriffen verhindern und überhaupt mit den Begriffssystemen aufräumen.

Die Etikette ist nicht der Wein
Das zu beachten ist auch für uns hilfreich. Auch wir dürfen uns nicht mit Begriffen zufrieden geben. Das Wahre Wesen, MU, Buddhanatur, Wesensgrund, oder (christlich) Gottheit – als ob das Dinge wären, die uns gegenüber stehen. Da bin ich – und tief in mir drin ist dieses Andere, die Wesensnatur, die ich habe. Aber es ist kein Objekt des Habens, nicht etwas innerhalb oder ausserhalb von mir und nichts ausserhalb der Welt. Es ist vielmehr die Legierung unserer ganzen Existenz. Es ist unser Antlitz bevor unsere Grosseltern geboren wurden. Es ist unser Sitzen, Spazieren, Essen, Trinken, unser alltägliches Leben mit allen Sorgen und Freuden, Leiden und Vergnügen, Verletzt- Sein und Lieben.

Als der Gehilfe in unserer Geschichte Daipai gefunden hatte fragte er ihn. „Was ist euch bei Meister Baso klar geworden, bevor ihr hierher in die Berge kamt?“
Daipai sagte: „Damals fragte ich Baso „Was ist Buddha“ und er antwortete: „Der Geist selbst ist Buddha.“ Da erlangte ich tiefe Erleuchtung und danach ging ich ins Gebirge.“
Da sagte der Gehilfe: Kürzlich hat Meister Baso seine Lehre geändert.
„Wie denn“?
fragte Daipai.
“Jetzt sagt der Meister: „Weder Geist noch Buddha“.
Daipai sagte darauf: „Der alte Meister sollte die Menschen nicht verwirren. Von mir aus kann er ruhig sagen „Weder Geist noch Buddha“. Aber für mich gilt bis ans Ende der Welt „Der Geist selbst ist Buddha“.
Der Gehilfe kehrte zu Meister Baso zurück und berichtete ihm vom Gespräch. Da war Baso sehr zufrieden und sagte: Die grosse Pflaume ist reif geworden.“
Mit dieser Anerkennung bestätigte er die Tiefe und Echtheit von Daipais Erfahrung. Daipai kann uns ein grosses Vorbild sein:
Er hatte das dualistische Gegensatzdenken wirklich hinter sich gelassen. Auf die Etikette war er nicht mehr angewiesen. Ob wir sagen „der Geist ist Buddha“ oder „weder Geist noch Buddha“, oder „Wesensnatur“ oder „Universum“ oder „Gottheit“: Wie immer wir es benennen – auch wir können das wundervolle Eine mit keinem Begriff einfangen. Es ist stets das viel Grössere und letztlich Unnennbare, das in allem wirkt.
Daipai ist seiner Erfahrung treu geblieben. Und er ist auch seiner täglichen Übung treu geblieben und hat so sein ganzheitliches Bewusstsein wach gehalten.
Viele von uns haben den eingeschlagenen Weg ebenfalls in verschiedener Hinsicht als gut und hilfreich erfahren und darum macht es auch Sinn, auf dem Übungsweg stets weiter zu gehen.
Die Blätter färben sich und fallen zur Erde. Hundert Meter weiter unten fliesst die Limmat. Die Tram fahren und stoppen. Die Sonne scheint oder es ist bewölkt. Und wir sitzen hier und es geschieht auch ein Reifeprozess.
Und all das ist einfach Geist. Da bin ich mit Daipai voll einverstanden. Nur dürfen wir diesen Geist nicht als Objekt verstehen. Sonst halten wir uns besser an „Weder Geist noch Buddha“. Wichtig ist, dass wir das Grosse, mit oder ohne Namen, nicht nur beim Sitzen, auch im Alltag in allem spüren, lieben und uns von ihm tragen lassen. Es ist uns näher als unser „Ich“.
Eigentlich ist das selbstverständlich. Alles ist die Stimme des Dharma und die Stimme des Dharma ist alles – das konkrete Vergängliche und das transzendente Unvergängliche. Beides fällt zusammen im Nicht-Zwei unseres Lebens und des ausgefüllten Alltags.
Wer es erfahren hat, für den ist es selbstverständlich. Das Nicht-Zwei unserer Existenz ist, wie Lin-chi es nennt, der Wahre Mensch ohne Rang und Namen. MUI NO SHINNIN. Das ist mein Name als Lehrer und es ist auch der Name unserer Sangha. Aber entscheidend ist nach Lin-chi, dass ihr alle selber MUI NO SHINNIN seid, „der Wahre Mensch, der durch euer Antlitz und euer Tun quicklebendig ein und aus geht“. Jeden Tag – und auch gerade jetzt und immer wieder. Denn: Der Geist selber ist Buddha und er manifestiert sich in euch.

Veröffentlicht unter Impulse | Hinterlasse einen Kommentar

Sommer-Teisho: „Drei Pfund Flachs“, Fall 18 im Mumonkan

Zazen Maxi, 28. Juni 2014

(Teisho im pdf-Format)

Zur Begrüssung zuerst ein Sommergedicht von Sarah Kirsch.
Sarah Kirsch wurde 1935 in Thüringen geboren. Dort lebte sie, bis sie 1977 aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen wurde und danach in den Westen umziehen konnte. 2013 ist sie in Schleswig Holstein gestorben. Ihr Mädchenname war Ingried Bernstein. Aus Protest gegen den Holocaust legte sie sich später den jüdischen Namen Sarah zu.

Sommer
Dünn besiedelt das Land
Trotz riesigen Feldern und Maschinen
Liegen die Dörfer schläfrig
In Buchsbaumgärten; die Katzen
Trifft selten ein Steinwurf.
Im August fallen Sterne.
Im September bläst man die Jagd an.
Noch fliegt die Graugans, spaziert der Storch
Durch unvergiftete Wiesen,
Ach, die Wolken, wie Berge fliegen sie über die Wälder.
Wenn man hier keine Zeitung hält,
Ist die Welt in Ordnung.
In Pflaumenmuskesseln
Spiegelt sich schön das eigne Gesicht und
Feuerrot leuchten die Felder.

Das Gedicht schildert eine schöne, ruhige Landschaft mit noch unvergifteten Feldern. Hier wirft man den Katzen nur selten Steine nach. Und das Pflaumenmus, in welchem sich schön das Gesicht spiegelt, scheint in dieser Region besonders beliebt zu sein. Solange man nicht über den eigenen Kesselrand hinausschaut und keine Zeitung liest, ist die Welt noch in Ordnung.

Nun zu unserem Thema: Wir befassen uns heute mit der im Zen häufig gestellten Frage
„Was ist Buddha?“
Ist denn, aus buddhistischer Sicht, nicht alles was existiert, Buddha? Oder aus christlicher Sicht – ist nicht alles Existierende Ausdruck des schöpferischen Göttlichen Urgrundes? Ist das nicht überall und immer so – in Thüringen und Friesland und Zürich und Basel? In friedlichen Landen und in Kriegsgebieten, im heissen Süden und im kalten Norden? Ist Buddha vielleicht auch dieses Sommergedicht, das ich soeben vorgelesen habe? Ist er im Klang der Rezitation oder im Schreiben der Sarah Kirsch?
Erscheint die Buddhanatur nicht zu allen Jahreszeiten und in allen gesellschaftlichen Verhältnissen immer als ein- und dieselbe? Das wissen wir doch – weil Buddha es den Menschen schon vor 2500 Jahren gesagt hat. Aber:

In welchem Verhältnis steht dieses Wissen zum Handeln?
Zuhause haben wir Zeitungen, Radio, Fernsehen, Internet, Handy – und einen Briefträger, der täglich vorbei kommt.
Vorletzte Woche, am 12. Juni, brachte er mir einen Brief des Bruno Manser – Fond für Fairness im Tropenwald. Manser war ein junger Ethnologe aus Basel, der sich in den Tropen für das Recht der Ureinwohner, gegen das Abholzen der Wälder und für den Schutz der Umwelt einsetzte. Damit machte er sich nicht überall Freunde. Die malaysische Regierung wies in aus und andere Kreise setzten auf ihn ein Kopfgeld aus. Seit 2000 wird er vermisst, unauffindbar.
Ich lese einen Ausschnitt aus dem Brief:
„Wir möchten Sie über die dramatische Situation im Regenwald Borneos informieren. Wir sind Freiwillige eines Netzwerkes von 25 Dörfern und von den Staudammplänen der Regierung stark betroffen. Der malaysische Bundesstaat Sarawak plant auf der Insel Borneo 12 bis 52 Mega-Staudämme zur Gewinnung von Energie. Bereits heute übersteigt der Energiebestand den tatsächlichen Bedarf des gesamten Bundesstaates. Sollten die Staudämme gebaut werden, würden hunderttausende Hektaren Regenwald überflutet werden. Einer der ältesten und artenreichsten Wälder der Welt würde gemeinsam mit unsern Dörfern zerstört werden. Der Regenwald Borneos ist die Heimat von vielen vom Aussterben bedrohten Tierarten, wie z.B. dem Orang-Utan. Die Staudämme werden hunderttausende von Indigenen zur Umsiedlung zwingen.
Sollte beispielsweise der Baram-Staudamm tatsächlich gebaut werden, sind unsere Dörfer bald unter Wasser. Die Grabmäler unserer Vorfahren, unsere Reisfelder und Fruchtgärten werden unter dem Wasser verschwinden. Gleichzeitig wird der Staudamm unsere Geschichte und unsere Erinnerung auslöschen. Mit dem Bau der Staudämme raubt die Regierung unseren Völkern die Lebensgrundlage und Identität.“
Ende des Zitats.
Um nochmals mit Sarah Kirsch zu sprechen: „Wenn man keine Zeitung und keine Bettelbriefe erhält, ist die Welt in Ordnung.“
Wenn …. Aber gleichzeitig erhalten wir auf allen Kanälen noch viele weitere Nachrichten, welche die Ordnung der Welt in Frage stellen:
Die grausamen Kriege in Syrien und im Irak. Wo ist da Buddha? Oder Allah?
Die sture Feindschaft zwischen Ost- und West-Ukraine. Wo ist da der Göttliche Urgrund? Wo der Geist des Evangeliums?
Die erschreckenden Berichte über Vergewaltigungen und Morde an Mädchen und Frauen in Indien. Wo ist da Buddha? Wo ist Vishnu? Wo der ethische Geist der Bhagavadgita?
Und leider gibt es der üblen Nachrichten noch viele mehr – nicht nur aus fernen Ländern.
2500 Jahre nach Buddha Shakyamuni, 2000 Jahre nach Jesus, 1500 Jahre nach Bodhidharma – was ist eigentlich von diesen wunderbaren Lehren und Lebensbeispielen geblieben?
Einige der grossartigen Lehrer der Menschheit haben Mitgefühl und Mitleid empfunden und Wege zur Überwindung des Leides aufgezeigt. Ihre Anregungen lassen viele Menschen offenbar kalt. War ihr Beispiel zu anspruchsvoll? Wurde ihre Wesensidee nicht verstanden? Oder neige vielleicht nur ich dazu, positive Entwicklungen als selbstverständlich und schlimme zu wichtig zu nehmen? Aber:

Wir sind nur offen, wenn wir uns berühren lassen,
das Unbehagen wahrnehmen und aushalten. Mitgefühl, Mitleid und Hilfsbereitschaft gehören (auch) zu unserer Ganzheit. Ohne anteilnehmende Solidarität würden genau jene Verhältnisse unterstützt und bewahrt, die geändert werden müssten.
Den Brief des Manser-Fond erhielt ich am 14. Juni. Zwei Tage später steht auf meinem Abreisskalender das folgende Zitat des Dalei-Lama:
„Alle Lebewesen und Erscheinungen stehen untereinander in wechselseitiger Beziehung und Abhängigkeit. Das bedeutet auch, dass wir uns selber schaden, wenn wir die Welt und den Lebensraum der Wesen zerstören.“

Unabhängig voneinander, fast zur gleichen Zeit, bestätigen beide Texte meine eigenen Empfindungen und Werthaltungen.
Im Übrigen hat der Dalai-Lama nichts einzuwenden gegen unser Pflaumenmus und anderen Freuden des Daseins. Aber er veranlasst uns, über den Kesselrand hinaus zu schauen, weiterzudenken, die Zusammenhänge zu sehen und entsprechend zu handeln.

Kann Zen uns dabei helfen – und in welcher Weise?
Sicher ist, dass es einen Einfluss hat auf unser Denken und Handeln.
Als Beispielstelle ich das Koan Nummer 18 aus dem Mumonkan vor. Es besteht aus nur zwei Sätzen:

„Ein Mönch fragte Tozan: „Was ist Buddha?“
Tozan antwortete. „Masagin“. (Drei Pfund Flachs)

Tozan
ist der japanisierte Name des chinesischen Zenmeisters Tung-shan Shou-chu. Er stammte aus Nordwest-China und lebte von 910 bis 990. Ein wandernder Mönch hatte ihm einmal von einem berühmten Meister namens Yün-men (japanisch Unmon) berichtet, der weit entfernt, im Südosten des Landes, ein Kloster leitete und systematisch bestimmte Worte und Beispiele früherer Meister zur Schulung seiner Mönche anwendete. (Aus dieser Art zu lehren, hat sich in der Folge die Praxis der Koanschulung entwickelt).
Tozan war beeindruckt und er machte sich auf den Weg zu Unmon. Dabei musste er mehr als 2000 Kilometer zu Fuss zurücklegen, teilweise durch sehr unwegsame Landstriche und Kriegsgebiete. Von Zeit zu Zeit hatte er Glück, wenn er auf ein Kloster traf und Unterschlupf finden konnte.
Tozan wurde geboren, als gerade die Epoche der Tang-Kaiser blutig zu Ende ging. Das chinesische Reich zerfiel in ein Dutzend kleinere Reiche, die von selbstherrlichen Militärgouverneuren und auch von mächtigen Bandenführern beherrscht wurden. Alle bekriegten sich gegenseitig. Die Aufstände und Machtkämpfe kosteten unglaublich viele Menschenleben, ganz abgesehen vom weiteren Elend und den Hungersnöten im Gefolge. Tozan erlebte es allerdings noch, dass 980 ein General und der Kaiser Song Taizu die Song-Dynastie begründeten, die China in eine neue wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit führten.

Die Reise des Tozan war eine gewaltige und gefährliche Leistung.
Alle rohen und scheusslichen Vorkommnisse, die wir in unserer Zeit mitbekommen, sind auch Tozan damals begegnet, und bestimmt nicht weniger schlimm! Wahrscheinlich aber waren es gerade diese Erfahrungen von Leid, Not, Schrecken und Gefahren aller Art, die ihn immer wieder vor die Frage stellten, wo in diesen schlimmen Ereignissen Buddha ist. Was ist Buddha? Wer bin ich selbst und was habe ich mit dem Ganzen zu tun?
Als er endlich bei Unmon anlangte, fragte ihn dieser: „Woher kommst du? Wo hast du die Sommerzeit verbracht?“
Tozan beantwortete alle Fragen ganz sachlich, aber für Unmon war bald klar, dass dieser Mann noch nicht erleuchtet war. Kein Funken von Zen. Schliesslich sagte Unmon: „Eigentlich hättest du jetzt 60 Stockschläge verdient, aber ich will sie dir erlassen.“

 Tozans nächtliche Reise nach Innen und seine Grunderfahrung.
60 Stockhiebe! Aber wofür denn? Was hatte er denn falsch gemacht auf seiner beschwerlichen Wanderschaft? Tozan grübelte die ganze Nacht über seine Reise, sein Leben und seine Wanderschaft nach. Was heisst grübeln? Er kämpfte und litt fast verzweifelt auf seiner inneren Forschungsreise. Es liess ihm keine Ruhe und anderntags ging er wieder zu Unmon und fragte nach, warum er ihn gescholten habe.
Unmon sagte: „Oh du Reissack! Bist soweit im Land herum gewandert, von Kloster zu Kloster und hast deren Reis verschlungen. Du solltest dich schämen, einfach so herum zu streunen!“ (Mit „Reissack“ meinte man einen oberflächlichen Menschen, der einfach in den Tag hineinlebt, ohne Reflektieren, ohne ganzheitliche Wahrnehmung, ohne klares Bewusstsein für die ganze Wirklichkeit.)
Ein alter Meister sagte zu den Antworten, die Tozan gegeben hatte: „Tozan sitzt auf dem besten Pferd, aber merkt es nicht einmal“.

Glücklicherweise zeigte sich jetzt das Ergebnis des nächtlichen Ringens und der jahrelangen Zenübung. Bei den Worten von Unmon erlebte er eine tiefe Erleuchtung. „Also doch – alles ist wie es ist. Was ich jahrelang überall gesucht habe, liegt direkt unter meinen Füssen. Alles, was ich auf der langen Wanderung erlebt und erlitten habe ist die eine grosse Wirklichkeit – nur war ich nicht wach, um es sehen zu können. Die Buddhanatur ist hier, in mir, in allen Lebewesen, in allem, was mir begegnet ist, in allem Leben und Sterben.“
Nach dieser Grunderfahrung des Tozan, welche ihn für den Rest seines Lebens prägte, können wir jetzt verstehen, warum er auf die Frage „Was ist Buddha?“ spontan antwortete „Masagin“!
Vielleicht war er gerade dabei, Flachs abzuwägen, als der Mönch mit seiner Frage kam. Wie auch immer.

Buddha ist drei Pfund Flachs? Vorsicht!
Wollte Tozan uns wirklich sagen, dieser Flachs ist Buddha, diese Blume ist Buddha, jedes Auto ist Buddha, der Baum im Garten ist Buddha, die Vögel sind Buddha, der Bodenteppich hier ist Buddha, meine Socken sind Buddha – ?
Wenn wir Masagin, bzw. Buddha, in dieser Art verstehen würden, als etwas von uns Getrenntes, wäre das wie Götzendienst oder Magie. Wir wären wieder im Gestrüpp des Dualismus gefangen: Ich bin da, Buddha ist dort. Auf dieseWeise haben wir den Dualismus nicht überwunden –und Buddha findet sich bestenfalls noch in unsern Gedanken als Konzept.
Unser Verständnis soll nicht an den äusseren Erscheinungen haften bleiben. Damit die Wesensnatur erfahrbar wird, müssen wir das dualistische Denken und die Unterscheidung von Subjekt und Objekt übersteigen.

Wie können wir das?
Indem wir leer werden, auf dem Weg des Loslassens. Leerheit ist Sein in Einheit mit der ganzen Schöpfung. Auf dieser Ebene erfahren und sind wir Buddha, oder das Göttliche Wesen – in Einheit mit allem, auch mit „Masagin“, mit drei Pfund Flachs.
Yamada Roshi sagte: „Um das zu spüren müsst ihr einmal das Wort Masagin laut aussprechen. „Masagin“. Da gibt es nichts anderes als Masagin, nichts als nur das. Eigentlich ist schon die erste Silbe „Ma“ genug. Dann ist „Ma“ wie „Mu“ die vollkommene Manifestation des Wahren Wesens und des ganzen Universums.
„Masagin“ –
da spüren wir, wiedieser Klang in uns eine Resonanz weckt, mit der wir im Einklang sind. Dann ist „Masagin“ die Stimme des Dharma.

Zen kann uns im Leben eine Hilfe sein.
Der Grund ist der: Es hat einen grossen Einfluss auf unsere Einstellung. Ein Beispiel, das ihr selber überprüfen könnt:
Nach jeder Mahlzeit muss der Tisch abgeräumt, das Geschirr gespült und die Küche aufgeräumt werden. Gleichgültig, ob wir diese Arbeit gern oder ungern machen – sie ist einfach notwendig.
Wenn wir sie aber als Samu, als Zenübung im Alltag betrachten, tun wir sie achtsam und im Bewusstsein, dass alles Nicht-Zwei ist. Dann ist unser Hantieren mit Geschirr, Wasser, Maschine und Reinigungstuch in jedem Augenblick die Verwirklichung der Buddhanatur beziehungsweise unserer göttlichen Natur – ein im tiefsten sakrales Tun, das uns immer wieder mit Freude erfüllt.
Und dann sind auch „Masagin“ und Küche aufräumen nach Hakuin wie „Gesang und Tanz die Stimme des Dharma“.

Veröffentlicht unter Impulse | Hinterlasse einen Kommentar

Ein Zitronenbaum – und unsere vier Wahrnehmungsebenen

Zazen, Maxi 3. April 2014

In unserem Wintergarten blüht ein Zitronenbäumchen. Neben den strahlend weissen Blühten trägt es gleichzeitig reife Zitronen. Und draussen im Garten blühen weiss die Pflaumenzweige, gelb die Forsitien, blaue Veilchen, rote Tulpen und in vielen Farben die Primeln. Es ist wirklich Frühling geworden.

Doch ausgerechnet heute habe ich eine Äusserung des Dalai-Lama gelesen, die mein Frühlingsbild kritisch hinterfragt:

„Wir erleben die Dinge nicht wie sie wirklich sind. Das prägt unsere ganze Erfahrung.“

Eine happige Behauptung. Woran fehlt es denn, dass wir, nach Meinung des Dalai-Lama, die Wirklichkeit verpassen? Und diesen Mangel sogar in unserer Erfahrung abspeichern?

Muss das auch uns Zen-Übenden passieren, obwohl wir doch im Lied auf Zazen von Hakuin die „vierfache Weisheit“ kennen gelernt haben? Insbesondere auch deren dritter Aspekt, die „Weisheit der echten Wahrnehmung“?

„Die Weisheit der echten Wahrnehmung“ ist ganzheitliche Wahrnehmung.

Wenn wir die Dinge so erleben möchten, wie sie wirklich sind, müssen wir sie ganzheitlich angehen. Mit allen vier Wahrnehmungskanälen,die uns Menschen geschenkt sind: Sinnen, Gefühl, Verstand und dem Auge der Transzendenz.

Sinne und Verstand sind eher auf die Wahrnehmung der rationalen Fakten gerichtet, während wir Emotionen und transzendente Erfahrungen eher dem Bereich des Irrationalen zuordnen. Oft ist mit dieser Einteilung noch eine Abwertung verbunden. Erst die neuere Forschung hat entdeckt, dass emotionale und spirituelle Fähigkeiten für den Erfolg im Leben nicht weniger entscheidend sind als die sinnenhaften oder die rationalen Fähigkeiten.

Zen hilft uns, auf allen vier Wahrnehmungsebenen kompetenter zu werden.

Ich komme auf das Beispiel vom Zitronenbäumchen zurück.

Wenn ich das Zitronenbäumchen jetzt zwecks Erklärung Punkt für Punkt ganz bewusst wahrnehme, beginnt es wohl

1. mit sinnenhaften Eindrücken: Das Weiss der Blüten, der intensive Duft, das zarte Grün der neuen und das lederartige, kräftige Grün der alten Blätter. Die Formen der Zitronen in verschiedenen Reifestadien und Grössen.

2. Sinneseindrücke wecken in der Regel unsere emotionale Intelligenz. Schöne Eindrücke wecken Gefühle der Freude. Negative verursachen manchmal Ärger, Angst, Verunsicherung oder Aggressionen usw. Mein Bäumchen ist schön und erheitert mein Gemüt.

3. Der Verstand stellt zufrieden fest, dass die Pflege offenbar richtig war. Beim Wässern wurde das rechte Mass eingehalten zwischen befeuchten und trocknen lassen, und die Düngung geschah zum rechten Zeitpunkt.

Die Wahrnehmung auf diesen drei Ebenen – Sinne, Gefühl, Verstand – ist schon weitgehend ein ganzheitliches Erlebnis, aber zur vollen Wirklichkeit gehört noch eine weitere Ebene:

4. Die spirituelle Intelligenz. Das „ Auge der Transzendenz“   eines erwachten Menschen sieht intuitiv, wie alles Ausdruck der wunderbaren, schöpferischen Wesensnatur ist: Blüten, Düfte, Farben, Formen, Funktionen, Bewegungen, Ursachen, Wirkungen. Und auch die Betrachter selber, also wir alle, sind Ausdruck des göttlichen Urgrundes.

Versucht in diesen Frühlingstagen mit allen vier Erkenntnisebenen wahrzunehmen. Ich garantiere, das macht viel Freude.

Mit diesem Bewusstsein im Hinterkopf wollen wir jetzt meditieren, stille werden, loslassen und einfach da sein.

Veröffentlicht unter Impulse | Hinterlasse einen Kommentar

Wie hell der volle Mond der vierfachen Weisheit

Auszug aus meinem  Teisho zum Lied auf Zazen von Hakuin Zenji , am  15. März 2014 in Zürich. Zu Zeile 37:

„Wie hell der volle Mond der vierfachen Weisheit.“
Vorbemerkung: 
Viele Japaner lieben den Mond. Er ist wie ein Teil ihrer Seele. Sein milder Schein überstrahlt wohltuend die Widersprüche der Welt. Aber  es geht bei Hakuin um mehr als Naturmystik. Er vergleicht den Geist eines Erleuchteten mit dem klaren Mond. Geist ist nichts anderes als der Mond, sagt auch Dogen.  Geist ist nichts anderes als Sonne, Sterne, Erde. Als Berge, Täler, Bäume, Steine, Wasser. Nichts anderes als Pflanzen, Tiere, Menschen. Nichts anderes als aufstehen, sitzen, essen, weinen, lachen.
Umgekehrt gesagt: Wenn wir das tiefste Wesen der Dinge erfassen, ist alles letztendlich GEIST. Forscher in der Welt des Allerkleinsten kommen heute zu ähnlichen Feststellungen, wenn sie den Punkt erreichen, wo das Messbare ins Unmessbare oder Unermessliche übergeht. Doch wovon spricht

Die „vierfache Weisheit“?
Ein Zeitgenössischer Nachfolger von Hakuin, Meister Shibayama, der bis zu seinem Tod 1974 Generalabt aller  Rinzai-Klöster war, interpretiert die „Vierfache Weisheit“ als vier typische Aspekte der Zen-Erleuchtung. Er benennt zwar diese vier Aspekte,  aber erläutert sie (in meinem Quellentext) nicht näher. Vielmehr fordert er die Leser auf, sich nicht von traditionellen Ansichten beschränken zu lassen, sondern selber in die Tiefe zu gehen und Wahrheiten zu finden, die der ganzen Menschheit zugrunde liegen. Das ist eine Einladung an uns, es im Folgenden zu  versuchen.
Den ersten Aspekt nennt er

1.     Die Weisheit eines grossen runden Spiegels
Ein Spiegel spiegelt alles, was sich an Konkretem zeigt, vorausgesetzt, er hat keine Flecken und blinden Stellen. Er hat die Fähigkeit, alles Aufgenommene wiederzugeben und nichts zurückzuhalten. Seine Natur ist die Leerheit.
Ein Gleichnis für einen erwachten Menschen, der in seinem Wahrnehmen und Handeln „abgerundet“ ist. Der die Realitäten des Lebens beachtet, aber von diesen nicht beherrscht wird. Der nicht anhaftet an dem, was ihm begegnet. In der Tiefe seines Wesens ist er frei und sich seines unverletzbaren göttlichen Kerns bewusst.

2.     Die Weisheit der Gleichheit
Das können wir gut verstehen. Das Lied auf Zazen betont diese ursprüngliche Gleichheit schon im ersten Vers: „Alles Seiende“ –schlicht alles- „ist der Natur nach Buddha.“
Das ist die grundlegende Gemeinsamkeit und Gleichheit aller lebenden Wesen. Der erwachte Mensch hat das Netz des Lebens erfahren und weiss, dass er Teil eines grösseren Ganzen ist. Er bemüht sich, keine Masche dieses lebendigen Netzes zu schädigen, weil sonst das ganze aus dem Gleichgewicht gerät. Er gelobt, dem Leben zu dienen.

3.     Die Weisheit der echten Wahrnehmung
Was ist eine echte Wahrnehmung?  Unsere Wahrnehmung sollte nie nur auf einen einzigen Kanal beschränkt sein – etwa allein nur auf den Verstand. Neben dem Denken speichern auch unsere Gefühle Wahrnehmungen, ebenso unsere sozialen Empfindungen und natürlich alle unsere Sinne. Zen-Praktizierende können zusätzlich auch mit ihrem transzendenten Geist wichtige Wahrnehmungen machen.
Diese ganzheitliche Wahrnehmung ist nicht ein Ding, das uns einfach so gegeben ist. Sie ist ein Prozess, teilweise ein Lernprozess. Schon im Verlaufe unserer Übung entsteht mehr und mehr eine neue Sicht der Welt, der Schöpfung und des Lebens – auch unseres eigenen Lebens. Oder anders gesagt:  Der Frequenzbereich unseres Sehens, Hörens, Fühlens, Denkens und unserer Intuition weitet sich aus – und zwar nicht nur nach Aussen sondern auch nach Innen. So lange wir leben sind wir am Wachsen, Reifen und bewusster werden. Zazen hilft uns dabei.

4.     Die Weisheit des wahren Wirkens
Wir können bei Meister Dogen sehen, wie wahres Wirken sich im Leben eines Zen-Übenden zeigt. Dogen ist erstaunlich modern und lebensnah. Er sagt zum Beispiel,  wir sollten uns annehmen und gut zu uns sein. Und so wie wir es für uns selber gern haben, sollen wir auch den andern Lebewesen begegnen. Zitat: „ganz gleich, ob sie einen hohen oder niederen Rang haben, ob sie Bekannte oder Fremde sind. Setzt die geeigneten Mittel ein, um ihnen behilflich zu sein. Andern helfen ist der ganze Dharma, der überall uns selbst und den andern zugute kommt.“  Ende Zitat. Wie aktuell!

Diese vier Weisheitsaspekte sind für unsern Alltag wichtig und hilfreich.
Ich wiederhole sie deshalb und füge einen Merksatz dazu:

  1. Die Weisheit eines grossen runden Spiegels.  Merksatz: Nicht anhaften.
  2. Die Weisheit der Gleichheit. Merksatz: Einheit mit dem Netz des Lebens.
  3. Die Weisheit der echten Wahrnehmung. Merksatz: Unsere fünf Wahrnehmungskanäle gebrauchen.
  4. Die Weisheit des wahren Wirkens. Merksatz: Nach der Goldenen Regel leben.

Von Meister Shibayama habe ich etwas Wichtiges gelernt. Wenn dort, wo ich bin, das Lotusland ist, dann muss ich im Alltag die Selbstnatur bezeugen. Das heisst, ich muss die vierfache Weisheit leben, von der wir gesprochen haben, insbesondere auch die Weisheit des wahren Wirkens, nach der Ethik Dogens oder nach der „Goldenen Regel“. In diese Richtung muss sich unsere Persönlichkeit entwickeln, sonst ist Zen nur Zeitvertreib.

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Die Natur des Frühlings

Zazen, Maxi 6. März 2014

Freut ihr euch auch, wenn es Frühling wird? Jetzt ist es so weit,  meteorologisch hat er schon angefangen. Ein Anfang setzt immer voraus, dass etwas anderes zu Ende geht. Und ein Ende von etwas führt in der Regel zu einem neuen Anfang.

Ein Frühlingsgedicht von Herman Hesse nimmt das Gesetz von Werden und Vergehen, von Ende und Anfang ebenfalls auf. Ich zitiere nur die erste Strophe:

Stufen                     

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern in andre, neue Bindungen zu geben. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Abschied und Neubeginn liegen für Hesse nahe beieinander. Unser Zen-Verständnis ist manchmal noch umfassender und dadurch wird alles noch viel reicher. Wir haben bei Meister Hakuin gesehen,  wie alle Ursachen und alle  Wirkungen auch Dharma-Tore sind, die sich uns öffnen können.
Ein anderer Zenmeister, Engo, der im 11. Jh. lebte, sagte einmal: „Leben und Sterben, Kommen und Gehen, sind der wahre Körper des Menschen.“  Wir können auch sagen Form ist Leerheit und Leerheit ist Form. Das ist wiederum der wahre Körper. Aber nicht nur des Menschen. Das ist auch die Wirklichkeit des Frühlings, des Sommers und des Winters. Das ist auch die Wirklichkeit der Frühlingsblumen, die jetzt keimen und bald blühen werden.
Dogen sagte: Es wäre „ töricht zu glauben, es gäbe keine blühenden Blumen und fallende Blätter in der Wesenswelt (Darmakaya)“. Für viele Menschen sind die Erscheinungen der Natur nur Materie. Für sehr faszinierte Zen-Übende  sind sie vielleicht nur Leerheit. Doch beides ist zu kurz gegriffen. Wenn wir uns bis auf den Grund kennen lernen zeigt sich, dass unsere äussere Erscheinung und unser tägliches Wirken erst zusammen mit der Leerheit ein Ganzes ist. Das ist auch die wahre Natur des Frühlings. Alles was ist, ist so wie es ist, Nicht-Zwei. Die wahre Natur aller Dinge ist Nicht-Zwei von Materie und Geist. Auch wenn wir jetzt hier in der Stille sitzen und nichts wollen und nichts erwarten und unsere Gedanken loslassen – ist das unsere ganze Natur des Nicht-Zwei. Aber auch umgekehrt: Wenn wir im Alltag planen, denken und entscheiden, ist es immer noch unsere ganze Natur des Nicht-Zwei.
Darum sagte ich, „Zen macht alles noch viel reicher“.
Ich komme nochmals auf die letzten zwei Zeilen des Gedichtes von Hesse zurück und ersetze das Wort „Anfang“ durch das Wort „Sitzen“, denn beide Sachverhalte sind Dharma-Tore und gleichermassen Nicht-Zwei.

„Und jedem Sitzen wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft zu leben“.

Veröffentlicht unter Impulse | 1 Kommentar

Ansprache bei der Abschlussfeier, nach dem September- Sesshin 2013

Erwin Egloff
Zur Beendigung meiner Sesshin-Angebote
im Lassalle-Haus Bad Schönbrunn

Liebe Freundinnen und Freunde der MU-I-Sangha

Ich bin ganz überwältigt von dieser Feier zur Beendigung meiner Tätigkeit in Schönbrunn. Was ihr geplant und zum Ausdruck gebracht habt, erfüllt mich mit Dankbarkeit. Einmal mehr!
Seit vielen Jahren weiss ich um eure vielseitigen Qualitäten. Nicht, weil ich ein besonders neugieriger Mensch wäre, sondern weil wir in den vergangenen zehn Jahren erfahren durften, dass wir mit allen unseren Eigenschaften unser Wahres Wesen bezeugen.

Schon ganz am Anfang,
vier Jahre bevor Niklaus Brantschen-Rôshi  mich mit der Dharma-Transmission als Zen-Lehrer qualifizierte, durfte ich als sein Assistent neben den Einführungskursen auch sogenannte Aufbaukurse anbieten. Etwa ein Dutzend von euch sind schon seit damals, also ungefähr seit 14 Jahren, mit dabei.
So hatte ich das Glück, den Weg als Lehrer zusammen mit klar entschiedenen Menschen zu gehen. Immer durfte ich auf euren guten Willen und volle Einsatzbereitschaft zählen. Eure Ernsthaftigkeit hat mich über alle Jahre mit Freude und grossem Respekt erfüllt. Meiner Frau Alice ist bald einmal aufgefallen, dass ich nach den Sesshin-Wochen immer erfüllt und zufrieden nach Hause zurückkehrte, selbst wenn ich vor dem Kurs vielleicht abgespannt war.

Was ich von euch lernen durfte
Nach kurzer Zeit lernte ich verstehen und akzeptieren, dass es wahrscheinlich kein Leben gibt, das nicht mindestens periodisch Leid erfährt und viele Menschen ihr besonderes Schicksal haben, an dem sie manchmal leiden, aber innerlich auch wachsen.
Aus solchen Beobachtungen habe ich von euch gelernt und dabei hat sich mein Mitgefühl vertieft. Es entstand bei mir schon früh so etwas wie eine grundsätzliche Lehrerhaltung, nämlich ein grosser Respekt und ein tiefes Wohlwollen. Beides wurde mehr und mehr zu einer Grundhaltung in meinem Leben und Lehren – und prägte insbesondere unsere Begegnungen.
Gelegentlich habe ich mich gefragt
ob ein grundsätzlich freundliches Wohlwollen überhaupt eine angemessene Zenlehrer-Haltung ist. Haben nicht einige alte Meister eine rigorose, manchmal brutale  Strenge praktiziert? Durch eine ideologischen Brille betrachtet, kann man auch Schläge noch als Wohlwollen darstellen – aber eben, nur ideologisch und nicht auch unter dem Gesichtspunkt des praktischen Lebens, das ja immerhin die andere Hälfte des Zen ausmacht. In Momenten des eher seltenen Zweifels habe ich dann auf meinen eigenen Lehrer Niklaus Brantschen geschaut. Ihn habe ich als konsequenten, aber stets freundlichen Lehrer erfahren. Sein Vorbild bestätigte mir, dass Respekt und Wohlwollen auch im Zen nur von Gutem sind und dass es richtig ist, diese Qualitäten als Grundlage des Redens und Handelns zu kultivieren.

Ich holte meine positive Psychologie wieder hervor
und überlegte in konkreten Situationen: Wie kann ich zum Beispiel einen Menschen

  • in einer beängstigenden Situation ermutigen?
  • bei einem geknickten Selbstwertgefühl wieder aufrichten?
  • bei Ungeborgenheit entdecken lassen, wo es für ihn Erfahrungen der Geborgenheit gibt. Oder ihm helfen, die eigenen positiven Seiten zu sehen und sich daran zu erfreuen?
  • bei grossen inneren Konflikten helfen, mit sich selber ins Reine zu kommen, und dabei sich selber zu respektieren und gerne zu haben?
  • bei Verunsicherung wieder Vertrauen zu finden? Und auch auf die Kraft des Weges zu vertrauen?
  • bei alten, belastenden Erfahrungen in der Kindheit, in der Schule, am Arbeitsplatz oder wo immer, entdecken lassen, wie sich das Leben trotzdem bewältigen lässt und man Gelassenheit, Halt und Sinn findet?

Was ist das eigentliche Ziel?
Ich habe jetzt einige Situationen aufgezählt, die dem Erwachen zur Ganzheit des Lebens im Weg stehen können. Die erwähnten Aspekte können durchaus ein Grund sein, Zen zu praktizieren, ähnlich wie etwa der Wunsch nach einer sinnvollen Lebensgestaltung, nach Entspannung oder Stressabbau. Das eigentliche Ziel ist jedoch etwas anderes: das Erwachen zum Wahren Wesen, die Erfahrung unserer Einheit mit allem Leben. Und die Pflege der Zenhaltung auch im konkreten Alltag durch achtsames und verantwortliches Denken und Handeln.
Ich bin sehr dankbar, sagen zu dürfen, dass viele von euch dieses Erwachen in unterschiedlichen Graden der Tiefe und Intensität erleben durften. Und dass ihr immer wieder neu dabei seid, im Bewusstsein des Nicht-Zwei von Alltag und Urgrund zu leben.

Mit wem und wo könnt ihr den Weg weiter gehen?
Ich möchte nicht, dass ihr aus den oben genannten Beispielen den Schluss zieht, Zenlehrer müssten Psychologie studiert haben. Das allein garantiert nichts. Aber sicher ist: ohne eine klare Haltung des Respekts und Wohlwollens und ethischer Verantwortung gegenüber den Schülerinnen und Schülern kann Zen in unserer Kultur nicht gedeihen. Das wird bei den Lehrern und Lehrerinnen der Lassalle-Linie fortan ein wichtiges Thema sein.
Auf dieses Kriterium dürft ihr achten, wenn ihr euch nach einem neuen Lehrer oder einer Lehrerin umschaut. Dazu  möchte ich euch sehr ermutigen.  Bedenkt, dass auf die Spitze  eines Berges meistens mehrere unterschiedliche Wege führen. Andere Lehrer machen dieses und jenes sicher etwas anders als ich, aber jemand sagte kürzlich zu Recht: „Sie machen es auch gut.“ Übrigens hat der Weg des Zen als solcher die grössere Bedeutung als die Person des Lehrers. Ein Lehrer kann euch gar nichts geben, was ihr nicht schon in euch trägt und auf dem Weg des Zen erfahren könnt.

Noch ein Wort zur Alters-Struktur unserer Sangha.
Ihr habt wahrscheinlich beobachtet, dass wir keine sehr jungen Leute unter uns haben. Es erklärt sich damit, dass ich seit mehreren Jahren keine Einführungskurse mehr erteilt habe. Und ausserdem habe ich von Anfang an keine Schülerinnen und Schüler unter dem 30. Lebensjahr angenommen. Später erhöhte ich dieses Mindestalter auf 35 Jahre.  Dahinter steht meine Erfahrung, dass man im Leben zuerst Jemand sein sollte, bevor man den Weg des Loslassens geht. Darum sind die Jüngsten bei uns jetzt zwischen 40 und 50. Neueintretende waren in der Regel zwischen 50 und 70. Und die ältesten Mitübenden zwischen 80 und 85. Der Altersdurchschnitt unserer Sangha liegt ungefähr bei 60 Jahren.
„Man muss alt werden um jung zu bleiben“, sagte  Hermann Hesse.
Jetzt, beim Übergang in einen  neuen Wegabschnitt, spielt das Lebensalter schon eine gewisse Rolle. Ich habe Verständnis dafür, dass Mitübende über 70 sich einen Wechsel nur schwer vorstellen können. Jüngere könnten diesen Übergang jedoch als gute Gelegenheit wahrnehmen, sich im Umgang mit Wandel und Veränderung zu üben. Darum jetzt die Frage:

Wie geht es weiter? Drei Empfehlungen

  1. Es ist wichtig, offen zu bleiben für neue Erfahrungen. Ein Übergang ist immer auch ein Prozess des Loslassens. Auch Dinge, für die wir dankbar sind, können wir nicht behalten. Das ist manchmal betrüblich, aber zugleich eine Chance für neues Werden.
  2. Ebenfalls ist wichtig, dass ihr weiterhin ein  Ziel habt. Das bedeutet, dass ihr euren Tagesplan und auch den Jahresplan so einrichtet, dass genügend Zeit bleibt für die Stille-Übung im Alltag und Zeit auch für ein bis zwei Sesshin im Jahr. Und achtet jeden Tag darauf, dass ihr zwischendurch, in Pausen, immer wieder zum Atem zurückkehrt. (Wie hilfreich das ist, habe ich letzthin selber wieder erfahren. Als mir Ende August, nach der Rückenoperation, eines Nachts vor dem Einschlafen belastende Gedanken durch den Kopf gingen, sagte Alice, die meine Unruhe an meinem Atmen wahrgenommen hatte: „Achte auf deinen Atem. Atme so, wie wenn du meditierst.“ Das war ein guter Tipp. Blitzschnell kehrte ich zum Atem zurück, zu mir selbst und damit auch zu meinem Wahren Wesen. Und dann erfüllte mich eine tiefe Ruhe.)
  3. Auch regelmässiger Kontakt mit andern Wegübenden ist hilfreich. Das kann auch in einer neuen Sangha sein. Gerade bei einem Übergang spüren Fortgeschrittene auf dem Zenweg  deutlich, dass wir letztlich von den andern nicht getrennt sein können. Hakuin sagt:  „Als Form die Nicht-Form ist, sind wir nie irgendwo anders, ob wir kommen oder gehen“. Wenn wir weiterüben, kann uns die Fülle des Lebens immer wieder finden.

Bis sich der Übergang sich eingespielt hat
werde ich in den kommenden  Monaten und 2014 die Angebote in Zürich, im „Maximilianeum“  weiterführen, so lange dies von meiner Gesundheit und auch vom Hause her dort möglich ist.

Nach diesem Dank an euch
erwähne  ich jetzt noch drei Personen, die mich in meiner Aufgabe besonders unterstützt haben:
Niklaus Brantschen Rôshi verdanke ich, dass ich als Übender und später auch als Lehrender auf dem Zenweg bin. Ohne sein Vorausgehen hätten Alice und ich wohl keine Chance gehabt, jemals dem Tathagata zu begegnen und den göttlichen Grund in allem zu erfahren. Ich bin auch dankbar, dass wir über alle Jahre sein schönes Zendo benützen durften. Erst kürzlich habe ich gehört, dass längst nicht alle Rôshis so offen und teilend sind.
Dann: Rose-Marie Angst. Ich kann nicht genau eruieren, wie viele Jahre wir schon zusammenarbeiten. Es dürften so um die dreissig sein. Du warst Assistentin von Niklaus, als ich dich in den 80-er Jahren um Mithilfe bei meinen Fastenkursen anfragte. Du erfülltest jene Aufgaben so gut, dass ich Dein Mitwirken auch in meinen Zenangeboten wünschte. Nach und nach hat sich dann ein starkes, harmonisches Assistententeam heran gebildet, um  das ich zu beneiden war.
Als sich bei mir gelegentlich gesundheitliche Probleme zeigten, war es für mein Weitermachen entscheidend, dass ich mich für die Abläufe im Zendo nötigenfalls auf dich verlassen konnte. Für diese guten Zen-Jahre und für deinen überdurchschnittlichen, umsichtigen Einsatz bin ich dir  sehr dankbar.
Und auch bei allen weiteren Assistentinnen und Assistenten möchte ich mich heute herzlich bedanken für ihr Engagement.
Und noch ein Wort zur Rolle von Alice:
Ohne die eindeutige Zustimmung meiner Frau hätte ich die Berufung zum Zenlehrer nicht angenommen. Und ohne ihre ermutigende Unterstützung in einer belasteten Situation hätte ich diese Aufgabe schon früh wieder abgegeben. Auch bei gelegentlichen gesundheitlichen Schwierigkeiten wäre es ohne ihre fürsorgliche und moralische Unterstützung kaum gegangen. Es ist ein Geschenk, dass Alice ebenfalls den Zenweg geht und darum genau weiss, was meine Aufgabe ist und bei den Mitübenden bewirken kann. Wir werden den Weg zusammen weitergehen. Ich freue mich darauf.
Ich schliesse mit einem Gedicht von Meister Ryokan über

Buddhas Weg.
Dies ist der Weg, den er ging, um die Welt zu fliehen.
Dies ist der Weg, den er ging, um zur Welt zurückzukehren.
Auch ich komme und gehe diesen heiligen Pfad entlang,
Der Leben und Tod überschreitet und die Täuschung durchdringt.

Liebe Mitübende, auch wir kommen und gehen diesen heiligen Pfad entlang.
Diesen wunderbaren Pfad des Nicht-Zwei.

Veröffentlicht unter Impulse | Hinterlasse einen Kommentar

Mein kleiner Bully – und das Hoffen auf Veränderung

Zazen, Maxi 20. Februar 2014

Auch Tiere können uns manchmal Impulse zur Bewusstwerdung geben. Schon öfters habe ich von unserem kleinen französischen Bully erzählt. Im Hause ist er sehr ruhig, ausgeglichen und zufrieden. Doch wenn wir zusammen unterwegs sind, zeigt er andere Eigenarten. Da ist er nicht mehr ein Muster von Gelassenheit, sondern aufgekratzt und stets auf Neues aus. Wo immer sich etwas bewegt, möchte er hinstürmen und dabei sein. Er könnte es bei mir doch so schön haben und den Augenblick geniessen. Aber nein, er muss zerren an der Leine und keuchen, weil er gerne dorthin rennen möchte, wo etwas anderes los ist. Statt artig bei mir zu gehen, Schritt für Schritt, sucht er stets etwas anderes – Abwechslung und Veränderung. Das erinnert uns an die Parabel vom Büffelrind, vor allem an das vierte Bild, wo Meister Tschi-yüan sagt: „Eigensinn und wilde Tierheit beherrschen es noch.“ Auch das Büffelrind rennt dahin und dorthin, bald zieht es „auf hohe Ebenen hinauf“ und dann  läuft es wieder „in tiefe Schluchten hinab“ und hält den Hirten auf Trab.

Abwechslung und Veränderung sind in unserem Leben wichtige Elemente. Der Alltag kann mitunter hektisch sein. Dann verlassen wir gerne für ein paar Stunden oder Tage alle äussere Betriebsamkeit und suchen einen Raum der Stille auf, um wieder zu uns und zum Wesentlichen zu finden. Auf dem Weg nach Innen erwarten wir, dass unsere Gedanken Ruhe geben und wir gesammelter und  gelassener werden. Aber manchmal ist die Gegenwart in der Stille auch nicht vollkommen. Möglicherweise schmerzt ein Bein oder der Rücken. Oder starke Eindrücke  wecken Erinnerungen und Gedankenströme. Und unsere Sammlung bleibt an der Oberfläche. Kurz: Mitunter kann das Sitzen in der Stille auch mühsam sein und nicht so wie wir es gerne hätten. Leicht spüren wir da den Wunsch nach einer positiven Veränderung: Weg von der unvollkommenem Gegenwart und mit aller Kraft hin zu Ruhe, Entspannung und Gelassenheit. Bully und Büffelrind lassen grüssen. Im Bericht einer Zen-Übenden aus Wien habe ich gelesen, man sage im Wiener-Dialekt, die Hoffnung auf Veränderung sei „wie a Hund“,weil sie von dem weg zieht, was sich jetzt gerade ereignet“.*) Natürlich wissen wir als Zen-Übende, dass auch in der Stille-Übung immer die Wirklichkeit der Gegenwart zählt – und nicht, was wir uns erhoffen und erträumen. Denn das „Gerade-Jetzt“  ist Nicht-Zwei.  Auch das Unvollkommene und Belastende ist Nicht-Zwei von konkretem Leben und göttlichem Urgrund.Darum wollen wir uns und unser Sitzen annehmen – so wie wir sind und so wie es gerade ist. Wir wollen uns liebevoll annehmen, denn im „Gerade-Jetzt“ ist alles da – die ganze Fülle des Seins.

*) Zitat: Sabine Klar, in Offene Weite – Nichts von Heilig, Theseus Verlag Bielefeld, 2012, S. 247

Veröffentlicht unter Impulse | Hinterlasse einen Kommentar

Auf dem Zen-Pfad im Neuen Jahr

Zazen, Maxi 18. Januar 2014

Auf den Pfaden des neuen Jahres sind wir erst einige Tage unterwegs. Auf dem inneren Weg, der  – wie Ryokan sagt – „Leben und Tod überschreitet“ und wo es kein Kommen und kein Gehen gibt, spielt die Zeit keine Rolle. Da sind wir mit allen Menschen und allen Geschöpfen eh dabei, ob uns dies bewusst ist oder nicht.

Auf den alltäglichen Pfaden im Neuen Jahr wissen wir nicht, was sich in der Zukunft ereignen wird. Darum haben  wir zum Jahreswechsel viele gute Wünsche ausgetauscht. Es ist nicht zu spät, sie zu wiederholen:

Möge das neue Jahr euch allen Wohlbefinden bringen für Körper, Geist und Seele. Wir vertrauen darauf, dass es, so wie es kommt, gut ist.

Auf unserem Weg, sei es in der Stille oder im Alltag,  bringen wir mit allem unserem Tun und Lassen die Wesensnatur zum Ausdruck. Wir können gar nicht anders: Alles ist immer Ausdruck unserer Lebens-Urenergie.

Sogar wenn jemand etwas Unschönes, etwas für ihn oder andere Schädliches bewerk-stelligt, ist die Energie des Wesensgrundes ebenfalls darin. Das grosse „Wirk“ wie es der Physiker Hanspeter Dürr nennt, ist weder gut noch schlecht. Die Frage ist vielmehr, was wir mit der uns anvertrauten Lebenskraft anfangen. Im Alltag kommt niemand um diese Verantwortung herum. Schon gar nicht auf dem Weg des Zen. Darum betont zum Beispiel Meister Dogen wiederholt, wir sollen die Vergänglichkeit der Zeit und aller Dinge wirklich sehen, dann falle es uns leichter, Ichbezogenheit und Formen von Gier oder Verblendung loszulassen und menschenfreundliche Haltungen wie Mitgefühl, Achtsamkeit und Wohlwollen zu leben.

Ähnliches sagt auch der Dalai Lama: Es komme entscheidend auf unsere Motivation an, dass wir wirklich wünschen, unser eigenes Wohl und das der andern zu beachten.

Unsere  vergängliche Zeit ist sehr kostbar ist. Wir müssen sie wirklich wertschätzen und  dankbar sein für jeden uns geschenkten Tag, an dem wir im neuen Jahr dem Leben dienen können.

Dem Leben dienen, wie es im ersten der vier Versprechen des Shiguseigan heisst.

In diesem Sinne wollen wir auch im Neuen Jahr Zen praktizieren.

Veröffentlicht unter Impulse | 1 Kommentar